"Hundeflüsterer" und andere "Profis"

Samstagabend und ich sitze wie gewöhnlich, gemütlich mit meinen Vierbeinern auf dem Sofa und schaue fern.
Es laufen unter anderem Sendungen über Hundeprofis und Hundeflüsterer und bei genau einer solchen bleibe ich hängen.
Mir dreht sich fast der Magen um, bei dem was ich da sehe. Mir wird heiss und kalt und ich bin vor Wut und Trauer den Tränen nahe.
Ich kann kaum glauben, was da der breiten Öffentlichkeit an Erziehungsmethoden „präsentiert“  und als normal und vor allem als gewaltfrei verkauft wird.

Wir sind so modern und in allen Bereichen des Lebens stets auf dem neusten Stand. Jede Diät, die neu auf dem Markt kommt, wird als die Beste, gesündeste und wirkungsvollste vermarktet. Millionen von Abnehmwilligen steigen auf diesen Zug auf.
Warum aber bleiben wir in Bereichen der Hundeerziehnung so in alten Mustern hängen obschon es unzählige wissenschaftliche Studien und Forschungsergebnisse gibt, die viele dieser alten Zöpfe wiederlegen.

Was läuft hier schief?

Gerade in solchen TV Sendungen wird dem Zuschauer / Hundehalter suggeriert, dass Verhaltensprobleme ( die ganz oft nicht wirklich welche sind ) ganz schnell und einfach mit einem Sprühhalsband, einer Rasseldose, Wurfketten, Wasserspritzer oder ähnlichem „behoben“ werden können . Alles natürlich hübsch verpackt, mit Witz und Scharm… es soll ja möglichst unterhaltsam sein.

„Was soll denn da dran falsch sein? Das sind doch Profis, sonst kämen sie nicht im Fernsehen“… sind Worte die ich oft zu hören bekomme.

Nehmen wir das Beispiel eines Hundes, der fremde Menschen anbellt und gleichzeitig in die Leine springt.
Es wird die Variante mit der Wasserflasche gewählt. Der Hund bellt und wird umgehend mit einem herzhaften Wasserstrahl (meist von der fremden Person) gemassregelt. Im günstigsten Fall, erschreckt sich der Hund fürchterlich, denn er weiss nicht wie ihm geschieht und unterlässt, aus lauter Furcht vor der negativen Konsequenz, das nächste Mal das Gebell.

Was aber haben wir damit erreicht?
Wir erreichen damit lediglich, dass der Hund sich nicht mehr traut, dieses Verhalten zu zeigen. Er zeigt ein Meideverhalten, gelernt hat er dabei aber nichts.
Künftig wird dieser Hund fremde Menschen als noch negativer empfinden. Sein ( für uns störendes Verhalten ) wird er vielleicht nicht mehr zeigen aber es wird sich sehr wahrscheinlich zu einem späteren Zeitpunkt noch intensiver und heftiger oder an ganz anderer Stelle ( z.b. gesundheitlich ) bemerkbar machen.

„und nun? Problem ist doch gelöst oder?“

Falsch! Das Problem ist weder gelöst noch behoben, wir haben es lediglich abgestellt. Unser Hund hat dabei nichts gelernt. Im Gegenteil… wir lassen bewusst zu, dass jemand unserem Hund so viel Angst macht, dass er keinen Mucks mehr von sich gibt. Und da reden wir immer von Bindung, Sicherheit, Liebe und Vertrauen.

Unsere Hunde haben immer einen Grund, weshalb sie so reagieren, wie sie eben reagieren. Alle Reaktionen sind mit einer Emotion verbunden und im oben genannten Beispiel, mit einer Unschönen zugleich.
Mit dem Wissen darum, dass Hunde beinahe identisch fühlen wie wir, fühlt es sich dann richtig an, unseren Hund, treuen Begleiter und besten Freund den wir doch so sehr lieben, so zu behandeln?!

Viel einfacher wäre es, unseren Hunden ganz einfach zu zuhören, sie als Persönlichkeit anzunehmen und zu respektieren. Ihre Ängste und Probleme ernst zu nehmen, darauf zu antworten und zu reagieren. Uns zu fragen, wie wir ihnen in der jeweiligen Situation helfen und sie unterstützen können, so dass wir von und miteinander lernen können.

So lösen wir Probleme nachhaltig und freundschaftlich, lassen Verbindung und Vertrauen wachsen, damit eine echte Freundschaft entstehen kann.


Ein weiteres Beispiel:

Mein kleiner Mucki muss öfter gekämmt werden, da sich sonst Knoten in seinem Fell bilden. Eine  heikle und für ihn unangenehme Stelle ist sein Schwänzchen. Er knurrt mich an…. viele „Profis“ würden da sagen: „ dein Hund hat dich nicht anzuknurren“ oder „ er ist dominant und will sich das nicht gefallen lassen“
Leider werden viele Hunde für ihr Knurren bestraft… was fatale Folgen haben kann.
Ich hingegen weiss, dass meine Hunde mich lieben und mich niemals grundlos anknurren würden. Meine Hunde haben sehr wohl das Recht darauf sich mitzuteilen. Ich nehme sie ernst und reagiere dementsprechend darauf.
Ich habe mir überlegt, wie ich Mucki das Kämmen des Schwänzchens angenehmer gestalten kann.
Ich habe ihm eine kleine Schüssel Katzenfutter ( das mag er ganz besonders ) zum fressen angeboten und ich konnte zeitgleich ganz sanft und behutsam weiter kämmen.

„Problem gelöst?“

Ja… wir haben ganz einfach gemeinsam einen Weg gefunden, welcher für meinen Hund mit etwas angenehmen verbunden ist und wir sind ohne weitere Aufregungen zum gewünschten Ziel gekommen.

„wenn du solches Verhalten durchgehen lässt, wird dein Hund immer dominanter und tanzt dir auf der Nase rum“

bestimmt nicht! Meine Hunde haben das Recht darauf, mitzuteilen wenn ihnen etwas nicht gefällt oder eine Situation zu viel für sie ist.

Merken Sie worauf ich hinaus will?

Es geht um Freundschaft, Sicherheit, Beziehung und Vertrauen… deshalb ist auch jedes Training und mit jedem Hund wieder anders. Jeder Hund hat, so wie wir Menschen, eine eigene Persönlichkeit. Wäre die Arbeit mit Hund und Mensch so einfach und pauschal, wie uns das in solchen Sendungen präsentiert wird, so dass es für jedes Verhalten ganz einfach einen „Aus- Schalter“ gäbe, mit dem man das Unerwünschte einfach abstellen könnte, bräuchte es nicht immer mehr und mehr Hundetrainer und Verhaltensberater.

Mittlerweilen ist es nach Mitternacht und ich habe Geburtstag. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass möglichst viele Hundemenschen meinen Beitrag lesen und teilen und sich der eine oder andere einmal Gedanken zu seinem täglichen Tun macht.

Sonja Steiner

Der beste Weg, einen wahren Freund zu haben, ist der,
selbst einer zu sein

( Ralph Waldo Emerson )